27 Mar, 2017
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Meine erste Reise mit dem MS "Pritzerbe“

Auf der Fahrt ohne Ladung (Leerfahrt) von Bülstringen bei Haldensleben nach Roßlau /Elbe erhielt das Schiff, das 1955 in Rheinbrohl/Rhein gebaut wurde, am 16.6.1999 in Magdeburg, nach der Abnahme durch die Schiffsuntersuchungskommission (TÜV für Schiffe) und der Binnenschiffahrtsberufsgenossenschaft den neuen Schiffsnamen MS "Pritzerbe". Somit gibt es nach 73 Jahren wieder ein Schiff mit unserem Städtenamen.

 Die Elbe war schon für den Hinterraddampfer "Pritzerbe" der Fluss, auf dem er 1887 seinem nassen Element übergeben wurde. Der Bauort war Roßlau/Elbe. Nach vielen Jahren Schleppdienst auf Elbe, Havel und Saale wurde der Dampfer 1926 zur Warthe verkauft und erhielt den Namen "Atlas". Genau von dieser Stadt Roßlau aus, sollte auch für MS "Pritzerbe" die erste Reise beginnen, welch ein Zufall.

Um 13:00 Uhr am 16.06.1999 fuhren wir von Magdeburg weiter auf unserer Leerreise nach Roßlau. Der Warschauposten (Verkehrsregler in der Stromstrecke Magdeburg) fragte schon zweimal über Funk nach dem Schiffsnamen, den er so natürlich noch nicht kannte. In Roßlau angekommen, war die Verwirrung perfekt, denn wir waren noch mit dem alten Namen zum Laden gemeldet worden. Nach Klärung der Lage konnten wir eine wasserstandsgemäße Teilladung Raps von 502 t nach Leer/ Ostfriesland übernehmen.

Am 17.06.1999 um 10:30 Uhr begann die erste Reise von MS "Pritzerbe" und wir konnten gleich nach der Ankunft in Magdeburg unsere Laderäume gänzlich füllen, sodass wir nun mit 749 t Raps noch am gleichen Abend zum Schiffshebewerk Rothensee fahren konnten. Ab hier begann nun die Strecke, auf der noch nie ein Schiff mit dem Namen "Pritzerbe" fuhr, denn das Hebewerk wurde erst 1938 eröffnet und damit der Weg in Richtung Westen zur Weser, zur Ems und zum Rhein, ohne den gefährlichen Umweg über die Nordsee, erst ermöglicht. Das Hebewerkspersonal konnte mit unserem Schiffsnamen noch etwas anfangen, dagegen wurde es nach dem Überschreiten der Landesgrenze nach Niedersachsen kompliziert, denn an jeder Schleuse musste ich nach mehrmaliger Wiederholung des Namens schließlich buchstabieren, um von Anfang an keine Schreibfehler zuzulassen. Auch von den uns begegnenden Kollegen wurde das Schiff aufmerksam und interessiert begutachtet und jeder stellte sich gedanklich die Frage: Was ist das für ein Schiff?- Das konnte ich an ihren Blicken erkennen. Nur wenige griffen zum Hörer des Funkgerätes und baten um Aufklärung. Einige Fußgänger und Radfahrer an den Ufern grüßten freundlich, ob sie nun Pritzerbe kannten oder jedem Schiff so begegneten, konnte ich nicht erkunden.

Nach der Passage der letzten Emsschleuse in Herbrum muss man sich zur Weiterfahrt anmelden. Die Anmeldung über Funk beim "Ems - Traffic" (Seefahrtsüberwachung für diesen Bereich) erfolgte ohne Probleme und der neue Schiffsname wurde sofort akzeptiert. So erreichten wir, ständig als "schwimmende Exoten" betrachtet, am 21.06.1999 die Liegestelle vor der Hafenschleuse Leer, denn die Schleuse war nur eingeschränkt betriebsfähig und wir konnten erst am nächsten Morgen, bei entsprechenden Wasserstand der Gezeiten, die Schleuse passieren und somit in den Seehafen gelangen. Noch am gleichen Tag wurden wir gelöscht (entladen), sodass wir wieder vor der Schleuse lagen und auf die nächste Schleusung am anderen Morgen warteten. Damit war die erste Reise von MS "Pritzerbe" beendet.